Marte Kräher // Photography Now   2011

Abigail Reynolds

Es gibt wenige Sujets, die öfter fotografiert werden als Sehenswu?rdigkeiten – aber selbs Allerwelts-Fotografien können mit den Jahren zu spannenden Zeitdokumenten werden. Insbesondere dann, wenn sie veranschaulichen, wie die Architektur und das städtische Leben fru?her aussahen und wenn sie im Vergleich zu heute exemplarisch dokumentieren, ob und was sich u?ber die Jahrzehnte verändert hat. Eine Steigerung der ästhetischen Anmutung und des zeitgeschichtlichen Gehalts dieser Bilder stellen die Collagen der englischen Ku?nstlerin Abigail Reynolds dar. Sie verdichtet vorhandene Abbildungen zu kunstvollen, origamiartigen Gebilden, die ein wundersames Licht u?ber sehenswu?rdige Gebäude und Plätze Englands werfen. Als ikonografische Quellen dienen ihr inzwischen rund 250 Stadt- und Reisefu?hrer aus den Jahren 1890 bis 2010, die sie auf Flohmärkten und in Antiquariaten erstöbert hat. Mit Skalpell, Kleber und einer sorgfältig entwickelten Falttechnik puzzelt sie ausgewählte Seiten ganz unterschiedlicher Publikationen und Jahrgänge zu mehrschichtigen, äußerst eleganten Papierreliefs zusammen, mit denen sie subtil an fru?here Skulptur-Arbeiten anknu?pft. Mit leidenschaftlichem Interesse fu?r das Haptische und die inhaltliche Substanz ausrangierter Bilder scheint Reynolds vor allem auch ihrer Wahlheimat London neu begegnen zu wollen.

 

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The Universal Now, St Paul’s 1965/1937 (2010)

 

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The Music Room (2009)

 

Viele Collagen der ersten Serien ›The Universal Now‹ und ›The Wonderful Story of London‹ offenbaren sich dem Betrachter wie Stadtbesichtigungen in Bildern, die einen kaleidoskopischen Einblick in die Formschönheit und Geschichtlichkeit architektonischer Attraktionen vom ›Palace of Westminster‹ u?ber die ›Tower Bridge‹ bis zur ›St. Paul’s Cathedral‹ gewähren. Die Stadtansichten, die jeweils zwei perspektivisch ähnliche Aufnahmen aus verschiedenen Jahren in einem Bild vereinen, zeigen bspw. den ›Central Criminal Court‹ vor und nach dem Zweiten Weltkrieg oder den ›Piccadilly Circus‹ im Jahr 1938, auf den sich eine Hippie-Lady in Schlaghosen verirrt hat. Auch das sich wandelnde Interieur des Warenhauses ›Stockmann‹ der 60er und 80er wird anhand der motivanalogen Reliefs, der unterschiedlichen Papierarten, der Druckqualität und der zeitspezifischen Farben geradezu plastisch fu?hlbar. In ju?ngster Zeit glänzt Reynolds zunehmend auch mit ungleich assoziativeren Arbeiten. Eine Abbildung von fast surrealem Charakter zeigt etwa eine Gruppe von Kindern, die um eine monströse Nuklearanlage tanzen als handele es sich um einen Maibaum. In ›Interiors‹ erweitert Reynolds Innenräume ländlich gelegener Herrenhäuser, indem sie wie bei ›The Music Room‹ unterschiedliche Innenaufnahmen nach formalen Kriterien zu einem fiktiven Raum zusammenfu?gt. Englische Renaissance, Neoklassizismus und Romantik verschmelzen zu einem Perspektivenspiel, vor dem der Betrachter kaum reglos verharren kann.

 

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Queen and Country (2011)

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Newspaper-Land und Heathrow aus: The Universal Now: The Wonderful Story of London 1936/1950 (2010)

 

Aber gerade die ästhetisch u?berformten Stadtansichten mit ihren beseelten und äußerst filigranen Mikrostrukturen könnte man auch als ku?nstlerische Replik auf die obszönen Auswu?chse von Spekulation und Turbokapitalismus interpretieren, die in London zu einem gigantischen Bauboom gefu?hrt und die Skyline der Stadt in den vergangenen 20 Jahren stärker verändert haben als jede andere Metropole in der westlichen Welt. Vor dem Hintergrund dieser neuen gläsernen Tu?rme mit Bu?ros und Luxusapartments scheinen Reynolds Stadtimpressionen wie eine Ode an die ornamentale und der Geschichte verbundene Architektur Londons ...

›Marte Kräher

 

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Tir na nÓg (2011)

Abigail Reynolds (*1970) studierte zunächst Englische Literatur an der University of Oxford, bevor sie sich der Kunst zuwandte. Ihren Bachelor of Fine Art erwarb sie 2000 am Londoner Chelsea College of Art & Design und schloss ihr Studium 2002 mit einem Master am Goldsmiths College ab. Ihre Arbeiten sind in privaten und öffentlichen Sammlungen und wurden seit 2000 international mit zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie mit verschiedenen redaktionellen Beiträgen bedacht. Reynolds wird von der Seventeen Gallery in London und Ambach and Rice in Los Angeles vertreten und lehrt an der Ruskin School of Drawing & Fine Art, University of Oxford. Sie lebt in St. Just / Cornwall und in London. 

Laufende Ausstellungen:

30.6. - 31.7.2011: Plataforma Revólver, Lissabon, Portugal

23.6. - 31.7.2011: The Salisbury Arts Centre, Großbritannien